Unter der Brücke: Ingenieure sprühen ihre eigenen Leitsätze

Zwölf Leute, zwei Städte, eine Wand
Manche Teamevents muss man erklären. Dieses nicht. Zwölf Mitarbeitende eines Ingenieurbüros, ein Teil aus Stuttgart, ein Teil aus München, stehen an einer legalen Graffitiwand in Stuttgart-Bad Cannstatt. In der Hand eine Dose, im Kopf eine Aufgabe: die eigene Firma sichtbar machen. Nicht als Logo-Aufkleber, sondern als Bild, das man selbst sprüht.
Wir haben mit der Corporate Identity gearbeitet – den Firmenfarben, den Leitsätzen, der Philosophie des Unternehmens. Das klingt trocken, wird an der Wand aber schnell konkret. Denn wer einen Leitsatz sprühen will, muss sich entscheiden: Welches Wort wird groß? Was steht vorne, was hinten? Welche Farbe trägt die Aussage? Sätze, die sonst in Präsentationen leben, bekommen plötzlich eine Hierarchie, eine Richtung, ein Gewicht. Ich habe schon oft erlebt, dass in dieser halben Stunde mehr über Unternehmenswerte diskutiert wird als in manchem Workshop mit Flipchart.

Der Tag hatte zwei Hälften
Erst das Gemeinsame: eine große Fläche, arbeitsteilig, mit klarer Komposition. Hintergrund, Buchstaben, Outlines, Highlights. Jeder übernimmt einen Part, und niemand kommt allein durch. Wer zu früh loslegt, sprüht dem Nachbarn in die Fläche. Wer zu lange zögert, hält die Kette auf. Das ist keine Metapher, die ich mir überlegt habe – das passiert einfach.
Dann das Persönliche: eigene Leinwände. Hier fällt die Zurückhaltung meist weg. Der eigene Name, ein Motiv, eine erste selbst gezogene Outline. Diese Bilder gehen mit nach Hause oder hängen später im Büro. Erfahrungsgemäß sind es genau diese Leinwände, über die Wochen später noch geredet wird.
Der Schwenk: Die Sprayer und die Brückenbauer teilen sich ein Bauwerk
Jetzt kommt der Teil, der mir an diesem Projekt am besten gefällt – und den ich vorher selbst nicht so klar auf dem Schirm hatte.
Die Hall of Fame in Bad Cannstatt liegt nicht irgendwo. Die legale Graffitifläche befindet sich unter der König-Karls-Brücke in Bad Cannstatt, unterhalb der Haltestelle Mercedesstraße, wo täglich neue legale Graffiti entstehen. Das heißt: Die Leinwand der Stuttgarter Graffitiszene ist die Unterseite eines Ingenieurbauwerks. Beton, den jemand berechnet, geplant und geprüft hat, damit darüber Straßenbahnen und Autos rollen.
Und genau darunter standen an diesem Tag Menschen, die beruflich solche Bauwerke planen. Ein Ingenieurbüro, das seit 1975 in der Bauplanung arbeitet und Ingenieurbauwerke, Hochbauten und Verkehrswege plant, sprüht auf der Rückseite genau dieser Welt. Oben die Statik, unten die Farbe. Oben Millimeter und Lastannahmen, unten Druckpunkt und Handgelenk.
Mir gefällt daran, dass beide Seiten dieselbe Grundfrage haben: Wie hält das, was ich baue? Der Ingenieur beantwortet sie mit Bewehrung, der Sprayer mit Untergrundvorbereitung, Aufbau und Reihenfolge. Auch ein Graffiti ist ein konstruiertes Ding – Skizze, Grundfläche, Füllung, Kontur, Licht. Wer das einmal in dieser Logik sieht, hört auf, Graffiti für Zufall zu halten.
Und noch etwas: Die Fläche existiert nur, weil eine Stadt irgendwann entschieden hat, Raum zu geben statt zu verfolgen. In einem ähnlichen Fall bat der Stadtjugendring die Stadt, eine Anzeige fallenzulassen, weil man Jugendliche nicht kriminalisieren sollte – und die Stadt gab die Fläche stattdessen für die Szene frei. Man kann also auch das als Bauwerk verstehen: eine Infrastruktur für Kultur.
Was bleibt
Am Ende des Tages stand eine Wand in den Farben des Unternehmens, mit seinen Leitsätzen, gesprüht von zwölf Leuten, die sich vorher zum Teil nur aus Videocalls kannten. Dazu zwölf Leinwände. Und die Erkenntnis, dass Graffiti nicht Chaos ist, sondern Handwerk mit Regeln – bis hin zu den Hausregeln der Hall of Fame: Bilder der anderen respektieren, leere Dosen und Müll wegräumen.
Solche Formate funktionieren nicht nur in Stuttgart und Baden-Württemberg. Ich arbeite mit Teams an legalen Außenflächen, in Hallen, im Innenhof oder komplett indoor auf Leinwand – je nach Wetter, Gruppengröße und Anlass. Graffiti-Workshops deutschlandweit: Ich komme zu euch, bringe Dosen, Caps, Schutzausrüstung und die Vorbereitung mit. Ihr bringt euer Team und die Frage, die an der Wand landen soll.
Wenn ihr ein Teamevent plant, das standortübergreifend funktioniert und am Ende ein sichtbares Ergebnis hat: schreibt mir. Am liebsten mit Gruppengröße, Wunschtermin und Ort – den Rest klären wir im Gespräch.
— Open Mike, Graffiti Coach World, Stuttgart