Feuerbach malt an seine Wände – seit 1949

Drei Tage, 20 Jugendliche, eine Wand, an der alle vorbeigehen
Ein Schulforum ist ein ehrlicher Ort. Dort wird gewartet, gegessen, geredet, versammelt – und dort fällt jede leere graue Fläche besonders auf. An der Bismarckschule in Stuttgart-Feuerbach haben wir genau diese Fläche genommen: drei Tage, eine Schulklasse mit 20 Teilnehmenden, ein gestaltetes Forum.
Der Ablauf ist unspektakulär und genau deshalb belastbar. Zuerst Buchstaben verstehen: Wie ist ein Graffiti-Schriftzug aufgebaut, warum funktioniert ein Style oder eben nicht, was macht Schatten und 3D mit einer Fläche. Dann Skizzen, dann eine gemeinsame Entscheidung über Motiv und Farben – das ist oft der lehrreichste Teil, weil 20 Meinungen zu einem Bild zusammenfinden müssen. Erst danach kommen die Dosen in die Hand.

Warum die Spraydose in einer Schulklasse mehr kann als ein Blatt Papier
An einer Wand kann man sich nicht wegducken. Wer seinen Part fertig hat, sieht ihn – jeden Tag, monatelang. Das erzeugt eine Sorgfalt, die man in einem Arbeitsblatt selten erlebt. Gleichzeitig ist die Einstiegshürde niedrig: Die Dose fragt nicht nach Deutschnote oder Herkunft, sie fragt nach Ruhe in der Hand und Abstand zur Wand. In heterogenen Klassen ist das ein echter Gleichmacher.
Am Ende steht der Teil, den ich nie weglasse: der professionelle Endschliff. Outlines sauber ziehen, Kanten schärfen, Tiefe setzen, Unstimmigkeiten glätten. Die Handschriften der Jugendlichen bleiben erkennbar, aber das Bild bekommt die Qualität, die es braucht, um in einem öffentlichen Schulraum ernst genommen zu werden. Der Unterschied ist im Gesicht der Klasse ablesbar, wenn sie am dritten Tag davor stehen.
Der Schwenk: Feuerbach hat schon 1949 an seine Wände gemalt
Wer meint, gemalte Wände seien in Feuerbach eine Erfindung der Sprühdosen-Generation, hat den Stadtteil nicht gelesen. Feuerbach war ein Weinbauerndorf, das durch die Industrialisierung um 1900 in kurzer Zeit zur wohlhabendsten Stadt Württembergs wurde – mit allem, was dazugehört: Metallveredelung für die Automobilindustrie, glänzende Stoßstangen und Radkappen in den 1950er-Jahren – und im Hintergrund ein enormer Dreck.
Mitten in diesem Industrie-Feuerbach entstanden Wandmalereien. Auf dem Schoch-Areal hängt zum Beispiel das Wandbild „Die Wette“ von 1949, dessen Vorlage eine Fotografie aus der Zeit um 1890 war: die „Wette“ war der Lösch-Teich Feuerbachs und diente als Pferdeschwemme. Ein Bild also, das die Arbeiterschaft daran erinnerte, wie der Ort vor den Fabriken aussah – Nostalgie an der Fabrikwand, Kunst für Leute im Blaumann. Später musste ein eigener Verein diese Bilder retten; die Begründung damals: mit den Wandmalereien verbindet sich ein Teil der Industriegeschichte Feuerbachs.
Das ist die Linie, die mich interessiert. Vor 75 Jahren malte Feuerbach auf Fabrikwände, um sich selbst zu erklären. Heute malt eine Werkrealschul-Klasse auf ihre Forumswand, um dasselbe zu tun. Die Technik hat gewechselt – Pinsel wurde Ventil, Auftraggeber wurde Schulklasse –, das Motiv dahinter ist identisch: Wir wollen sehen, wer wir sind, an der Wand, an der wir jeden Tag vorbeilaufen. Übrigens: In Stuttgart hat sich diese Wandkultur auch musikalisch niedergeschlagen. Die Keimzelle des Stuttgarter Hip-Hops waren die Jugendhäuser, wo Rap, DJing, Breakdance und Graffiti zusammenkamen – dort entstand die Kolchose. Graffiti war in dieser Stadt nie nur Deko, sondern immer Teil einer Jugendkultur mit eigener Sprache.
Was Schulen konkret davon haben
Drei Dinge nehmen Schulen aus so einem Projekt mit: eine Fläche, die Jahre hält; eine Klasse, die gemeinsam etwas fertiggemacht hat; und Fotos, die man für Homepage, Elternabend und Schulbericht wirklich verwenden kann. Dazu kommt die Präventionsseite, die bei mir nicht als Moralpredigt läuft, sondern über Fakten: legale Flächen, Genehmigungen, Eigentum, Konsequenzen.
Organisatorisch braucht es wenig. Material, Schutzausrüstung und Abdeckung bringe ich mit, Format und Dauer stimmen wir vorher ab – ein Projekttag, zwei Tage, oder wie in Feuerbach drei Tage mit Endschliff.
Ich bin in Stuttgart zu Hause und arbeite in der ganzen Region Baden-Württemberg – und weit darüber hinaus: Graffiti-Workshops deutschlandweit, ich komme zu euch. Ob Werkrealschule, Gemeinschaftsschule oder Gymnasium, ob Forum, Pausenhof-Mauer oder Fahrradunterstand: Schreib mir, was ihr für eine Fläche habt, und wir machen daraus etwas, das bleibt.